Ohje, ein Kind im Schlafanzug! – Die Geschichte einer Zugfahrt im Ruhrgebiet

Kennt ihr so Tage, an denen einfach alles doof ist? Heute morgen war ich mit meinem Sohn (fast 20 Monate) auf einer Hochzeit. Familienfeier. Pflichtveranstaltung. Weder mir, noch meinem Kind wichtig. Trotzdem waren wir da, einen Tag vorher angereist mit Koffer, Tragetuch mit Bus und Bahn.

Ich hasse so lange Bahnfahrten. Wäre ja alles in Ordnung, wenn nicht (vorwiegend westlich sozialisierte, explizit “deutsche”) Menschen ein riesen Drama machen würden, sobald ein Kind Mal nicht still, mit Schnuller im Buggy sitzt.

Wenn nochmal einer etwas gegen “Ausländer” sagt, dann muss ich ihnen entgegnen, dass diese Menschen meiner Erfahrung nach IMMER freundlich, hilfsbereit und vorallem kinderlieb waren. Ich habe bisher noch nie eine andere Erfahrung gemacht und diese Menschen (und Studenten, Obdachlose, teilweise andere Eltern und 50% der älteren Generation) sind auf solchen Fahrten meine Lichtblicke.

Nun gut, nach einer Horrorfahrt und Horrornacht mit wenig Schlaf, zu einer Horrorhochzeit mit müden und schlecht gelaunten Kind, dass natürlich nicht “funktioniert”. Also direkt nach dem Standesamt nach Hause gefahren, damit es nicht auch noch unter den weiteren Feierlichkeiten leiden muss.

Zu meinem Glück hat er den ersten Teil der Fahrt geschlafen. Und dann: Umstieg. Dabei ist er natürlich wach geworden. Wollte laufen. Lief. Verständnislose Blicke, dass mein Kind alleine die Treppen herunter darf. Da stehe ich mittlerweile drüber. Rolltreppe (ein riesen Spaß für ihn), gute Laune, alles super. Bahnsteig. Pfütze. Wutausbruch, weil er nicht in die Pfütze sollte. Ich biete ihm an andere Schuhe anzuziehen und damit durch die Pfütze zu laufen. Das war in Ordnung für ihn. Er lief 10 Mal durch die Pfütze, ist ein glückliches Kind. Eine Frau nimmt ihn an die Hand: “Du wirst noch dreckig!” (er hatte ja noch das Hemd etc von der Hochzeit an, aber das ist mir ja egal..). Er wehrt sich, ich stehe auf und rufe noch: “Lassen Sie ihn ruhig!” Da liegt mein weinendes und schreiendes Kind schon in der Pfütze.

Lustig, da ich nämlich keine langen Wechselsachen im Koffer hatte und es ziemlich kalt ist heute. Also ziehe ich ihm seinen langen Schlafanzug an, damit er nicht komplett durchnässt die restlichen 1,5h verbringen muss. Und Ernte blöde Kommentare auf dem Bahnsteig. Und im Zug auch nochmal. Und am nächsten Bahnsteig. Und im Zug dann wieder. Und ich bin genervt. Und mein Kind müde. Und ich bitte ihn: “Noah, setz dich bitte hier hin und iss dein Brötchen. Mama ist gerade ein bisschen schlecht gelaunt. Gleich kann ich mich wieder um deine Wünsche kümmern. Dass du hier sitzenbleibst ist gerade ein ganz großer Wunsch von mir!” Und tatsächlich blieb er sitzen und knabberte am Brötchen herum. Total lieb. Total ruhig. Und dann kam diese “nette” Frau die sich einmischt:

“Muss ihr Kind unbedingt einen Platz blockieren, der Zug ist doch eh schon so voll!”

“Ja, das muss er. Wenn Sie auf einen Platz angewiesen sind, können Sie gerne meinen haben.”

“Nein. Ein Kind in dem Alter hat im Kinderwagen zu sitzen oder zumindest auf dem Schoß. Er nimmt den anderen Fahrgästen den Platz weg. (Zustimmendes Nicken von anderen Personen)

Und überhaupt, können Sie ihn nicht anständig anziehen, dass ist nun wirklich keine Kleidung für dieses Wetter. Sie laufen ja auch nicht im Schlafanzug herum. Wo kommen wir denn dahin.”
Schlafanzugdiskussion die 15.? Nein, darauf lasse ich mich nicht ein. Nehme genervt mein Kind. Verabschiede mich und suche einen Platz in der Nähe einer Familie,die syrisch spricht.
Dort bekam mein Sohn etwas zu Essen angeboten (und ich auch) und es wurde mit ihm liebevoll gesprochen, ein Platz angeboten.

Wir steigen aus, in den Bus wo ich (oh Wunder) abermals auf dem Schlafanzug meines Sohnes angesprochen werde. Ich meine Hallo!?, haben die Menschen keine anderen Probleme?
Steige endlich zu Hause aus und es regnet. Mein Sohn möchte selber laufen. Gut, läuft er eben im Schlafanzug und wird nass.

Zu Hause angekommen, umgezogen, Essen gemacht und Mama hat immernoch schlechte Laune. Und mein Sohn? Der fordert natürlich und möchte bespaßt werden, obwohl Mama dieses Mal überhaupt keine Lust dazu hat.

Ich mecker ihn an, dass er alleine spielen soll. Er guckt mich entsetzt an und weint. Ich bin immernoch genervt, aber es tut mir leid. Also nehme ich ihn in den Arm, entschuldige mich, versuche es zu erklären und lasse ihn stillen (von ihm eingefordert). Also spiele ich die gut gelaunte Mama und hab den Eindruck, das macht auch nicht viel Sinn.

Hab mir einen Keks geholt und er wollte natürlich auch einen. Also hat mein zuckerfreies Kleinkind auch einen bekommen. Dann habe ich eine Baby-App runtergeladen und hab ihn 15 Minuten auf dem Handy tippen lassen. Er fand es erschreckend gut, mein medienfreies Kleinkind.

In der Zeit konnte ich immerhin wieder runterkommen..

Jetzt schläft er und ich frage mich, wie viele meiner Prinzipien ich wohl im Laufe seines Lebens noch brechen werde. Was macht ihr in so Situationen: Wenn ihr mit Kind alleine seid und einfach mal gar nichts geht?

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